Die Welt Samstag, 24 Februar 2001
Restaurant-Tip
Jacobsmuscheln und italienische Leichtigkeit
Von Heinz Horrmann
Hektik und ein bisschen Chaos sind Stilelemente im Via Condotti
(Fasanenstraße 73, Tel. 886 778 97). Der Mann mit der feuerroten
Ferrari-Mütze geht nicht, er sprintet durchs schmale langgestreckte
Restaurant, kommt zweimal zurück, fragt jedes Mal dasselbe: "Was
hatten Sie bestellt?"
Was Sie als Gast daraus ableiten können? Na klar, hier brauchen
Sie schon ein bisschen Geduld. Eine große Tafel wird vorbereitet.
Da helfen, vor allem diskutieren die Kellner mit. Typisch für die
Berlinale und Tage anderer bedeutender Events.
Freundlich geht's im Via Condotti allemal zu und auch stimmungsvoll.
Das Essen ist, sagen wir es mal mit der gleichen Freundlichkeit,
durchschnittlich, das Lammkarree leider zu durchgebraten, die Jacobsmuscheln
sind nicht zart genug behandelt, rächen sich mit spröden Rissen
im Rand und dem totalen Verlust von Saft und Aroma.
Die Nudeln werden dagegen allgemein zu Recht gelobt. Ein weiteres
Plus ist die Weinkarte, sehr fair kalkuliert. Günstige Preise sind
in dieser Gegend der Stadt keine Selbstverständlichkeit. Die Nachbarn,
von Chanel bis Bulgari, sind vom feinsten und das Fofi's, das in
dieser Straße die Kunden einst band, hatte ebenfalls eine gegenläufige
Preis-Philosophie.
Die Einrichtung ist hell, freundlich, schlicht einladend und in
diesem Rahmen steigt die Stimmung. Hier ist Ferrari-Land. Mit großem
Hallo wird Michael Schumachers Pressesprecherin begrüßt, die zum
Essen kommt. Wer in Schumis Nähe sein darf, ist selbst ein Star,
genießt mehr Ansehen als Pavarotti, auch wenn sie nicht singen kann.
Beim Salat, der nach Wartezeit mit Grandezza-Geste serviert wird,
werden hochwertige Produkte zum Selberwürzen aufgefahren: alter
Balsamico, vorzügliches Öl, eigentlich zu schade für einen großen
Restaurantbetrieb. Alles wird auf den Tisch gestellt, auch der samtige
Barolo, Jahrgang '95. Der Gast ist sein eigener Sommelier. Ans Nachschenken
denkt keiner, dafür bleibt keine Zeit beim allgemeinen Tempo. Doch
das Preis-Leistungs-Verhältnis ist in Ordnung, und das ist heutzutage
schon eine ganze Menge.
Weil es in Berlin immer noch zuwenig Möglichkeiten für ein ordentliches
Businesslunch gibt, kann man froh sein, dass im Via Condotti von
12 Uhr an schnelle und günstige Gerichte auf der Mittagskarte stehen.
So Entenleber mit Balsamico-Salbei-Sauce und Salat für 20 Mark oder
hausgemachte Ravioli mit Gorgonzola-Sauce für 18,50 Mark. Das Business-Menü,
täglich wechselnd, kostet 32,50 Mark.
Natürlich geht es abends aufwändiger zu, die Küche wagt aber auch
auf der "Buona Sera-Karte" keine ungewöhnlichen Kombinationen, keine
überraschenden Elemente aus der Kreativabteilung: Lotte, Thunfisch,
Lamm, alles wie gehabt. Da ist noch der Rochenflügelsalat mit Zitronenminze
und Rucola am ausgefallensten.
"Senor, Sie haben so leicht gegessen, probieren Sie unser Dessert",
flötet der Kellner mit der roten Mütze. Er empfiehlt und wir probieren
die Miniananas mit Prosecco und Zabaione gratiniert. Ein duftender
Abschluss. Den fröhlichen Service freut's. Ende gut alles gut.
Pressezitate
Ristorante Italiano vom Januar 1999
Berliner Zeitung vom 17. Juli 1999
Der Tagesspiegel vom 17. Juli 1999
Welt am Sonntag vom 1.
November 1998
Berliner Kurier vom 17. Juli 1999
tip Stadtmagazin von 1999
International Community vom September 1999
Marcellino's Restaurant Report 2000
König Gastro Guide by Marcellino's
Die Welt vom 24 Februar 2001
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